Beauty

The Rise and the Fall of the Schnurrbart

Schnurrbart / Moustache

Der Gentleman, wie er vor vielen Jahren als Begriff und Typus in England geschaffen wurde, zeichnet sich im klassischen Bild durch drei Äußerlichkeiten aus: Den Zylinder. Das Monokel. Allem voran aber: Den Schnurrbart.

Die ersten beiden können ohne Weiteres abgelegt werden oder spontan als Verkleidung angelegt, von Schelmen, die sich das positive Bild des Gentleman zu eigen machen wollten.

Der Schnurrbart – Gentik, Geduld und Pflege

Ein Schnurrbart hingegen braucht nicht nur einer gewissen Zeit, Geduld und Pflege, sondern auch genetischer Voraussetzungen. Nicht jeder kann sich einen solchen in jedem beliebigem Stil wachsen lassen, schon gar nicht in jedem Alter. Ein Schnurrbart zeugt als von gewisser Reife und sein Vorhandensein scheint gottgegeben ähnlich wie ein Adelstitel.

Das Bild vom Schnurrbart als Adelskennzeichen ist jedoch nicht für immer so positiv geblieben. Diese Art der Gesichtsbehaarung hatte in der Geschichte viele Höhen und Tiefen, die alleine schon in der deutschen Bezeichnung dafür gipfelt: Schnurrbart. Dieses Wort hat nichts adeliges, nichts stilvolles.

Auf den Spuren des moustache!

Das Wort moustache hingegen verrät mehr über die einstige Klasse der behaarten Oberlippe. Der Wortstamm alleine hat eine lange Geschichte. Er schaffte es vom altgriechischen “mustax” für Lippe als “mustacium” ins alte Rom, wo es sich später in “mostaccio” verwandelte, um sich im 16ten Jahrhundert endlich ins französische “moustache” zu verwandeln.

Die Herkunft erklärt also auch relativ genau um was es sich handelt. Es geht um die Behaarung an der Oberlippe. Diese Definition ist wichtig, denn einige Menschen neigen, wenn es um eine Passion geht, zu Extremem und Kreativem. Und wenn der Schnurrbart, der “moustache”, zu einer Passion wird, verschwimmen auch schon einmal Grenzen.

Alles der Reihe nach – Geschichte des moustache

Wie in Fällen der meisten Modeaccessoires, ist auch der Oberlippenbart an Trends und eben Moden gebunden, die wiederum durch bestimmte Personen ausgelöst werden können. Wahrscheinlich liegt also darin der Grund, warum in den Modehochburgen der Schnurrbart in den 1940er Jahren seinen größten Tiefpunkt in der Geschichte erreichte.

Mit Adolf Hitler und Josef Stalin hatte der Schnurrbart zwei Träger gefunden, die zwar zwei bekannte Stile prägten, dem Oberlippenbart insgesamt aber einen starken Imageschaden zufügten.

Besonders tragisch war das in Anbetracht dessen, dass der stilvoll getragene Schnurrbart in den 1920er Jahren durch die Romanfigur Zorro in den USA einen wahren Boom erlebte. Gerade diese Figur prägte ein gentlemanlikes Männerbild. Das Bild eines Mannes, der für die Schwächeren eintritt, der zu “den Guten” gehört, aber sich trotzdem am Rande des Gesetzes bewegt. Er war kein dreckiger Outlaw aus dem Wilden Westen, genauso wie er kein absolut glatter Frank Sinatra war, der ihm schon bald den Rang ablief. In gewisser Hinsicht ein perfekter Gentleman.

Am Leben erhalten wurde der Zorrobart in den 1930 Jahren von einer ganz realen Person, die sich aber durch Auftritt und Werk selbst ebenfalls als Kunstfigur präsentierte. Mit Salvador Dalí wurde dem Schnurrbarttum ein Vertreter geschenkt, der auch Jahrzehnte später noch viele Moustachiers inspirieren würde. Doch auch er konnte, auch durch seine vermeintliche Nähe zum Diktator Franco und zum Faschismus, den Schnurrbart nicht vor seinem zwischenzeitigen Untergang bewahren.

Vom Schnurrbart zum Pornobalken

Die erste Renaissance kam erst in den 1960er und 70er Jahren gemeinsam mit der Hippie-Bewegung. Diese war alles andere als gelassen, stilvoll, betont intellektuell. Sie war wild, grenzüberschreitend, eben: revolutionär. Eben so war auch eine neue Industrie, der die herrschende Stimmung zum ersten Boom verhalf und die dem Schnurrbart einen neuen Namen schenken sollte. Die Pornoindustrie führte den Pornobalken ein.

Der Pornobalken ist auch die Art des Schnurrbarts, der heute von American-Apparel-Hipstern und Terry Richardson ironisch zitiert wird. Was früher für sexuelle Befreiung stand, symbolisiert heute aber ein rückwärtsgewandtes Frauenbild. Was der Pornobalken früher befreite, das karikiert er heute höchstens noch.

Terry Richardson und Dov Charney (Chef von American Apparel) sahen sich beide schon mehrfach mindestens dem Vorwurf der sexuellen Belästigung ausgesetzt, es wäre ihnen bei aller Unschuldsvermutung zuzutrauen. Bei aller sexueller Befreiung ist das ganz und gar nicht gentlemanlike.

Echte Helden hatte der Oberlippenbart also lange nicht mehr. Der Schnurrbart wird heute eher mit versteiften Auslandskorrespondenten des öffentlichen Rundfunks assoziiert als mit einem Freddie Mercury. Eher mit Bauern aus dem ehemaligen Ostblock als mit Tom Selleck.

Vielleicht ist es wie mit dem Rauchen: Weil die Helden auf der Kinoleinwand nicht mehr Rauchen, ist Rauchen immer weniger cool (gut so!). Weil die Helden auf der Kinoleinwand keinen Schnurrbart mehr tragen, sind Schnurrbärte immer weniger cool.

Der Schnurrbart für die gute Sache

Es gibt glücklicherweise eine Gruppe von Menschen, die dem Bartsterben nicht länger zusehen möchte. Diese australische Gruppe gründete die Stiftung Movember, die dazu aufruft sich zum Zwecke des Fundraising zur Prostatakrebsforschung im November eines jeden Jahres einen Schnurrbart wachsen zu lassen und das medial zu dokumentieren. Seit der ersten Durchführung 2004 ist die Bewegung immer weiter gewachsen, mittlerweile beteiligen sich viele Schnurrbartzüchter weltweit an der Aktion. Für den guten Zweck der Forschung. Und für den guten Zweck der Schnurrbartpropaganda.

Vielleicht gelingt es ihnen ja einen ganzjährigen Trend auszulösen. Vielleicht bringt die Zukunft ja wieder Kinohelden mit Schnurrbärten. Es wäre erfreulich. Denn: Zylinder und Monokel wären dann auch nicht mehr weit.


Bildnachweis: Thinkstock / iStock / ArthurHidden

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